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Eingeschränkte Benützung

Von 2. bis 26 Juli und 20. bis 31. August 2018 können (Musik-)Handschriften und Nachlässe nur bis 15:30 Uhr benützt werden. Ausgenommen Donnerstage, an denen die Bestände regulär bis 18:30 Uhr eingesehen werden können.

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Nachlass Susanne Schmida / Viktor Brod neu in der Benützung

Viktor Brod, aufgenommen am 6.10.1940. WBR, HS, Nachlass Susanne Schmida / Viktor Brod, ZPH 1699, Archivbox 15, 4.3.1.5.

Die Wienbibliothek im Rathaus hat 2016 den Doppelnachlass Susanne Schmida / Viktor Brod (ZPH 1699) als Geschenk übernommen. Der Bestand hat einen Umfang von 17 Archivboxen und einer Sonderformatbox, überwiegend mit Materialien von und zu Susanne Schmida (1894–1981), die Brod (1894–1969) während des Philosophiestudiums an der Universität Wien bei Robert Reininger (1869–1955) kennengelernt hatte und 1923 heiratete. Reininger, ab 1922 Inhaber eines Lehrstuhls, blieb für beide zeitlebens eine zentrale Figur, was sich auch im Bestand widerspiegelt.

Susanne Schmidas Wirken: Zwischen Philosophie, Yoga und Tanz

Schmida wurde 1894 in Bystriz am Hostein (heute Slowakei) in eine großbürgerliche Familie hineingeboren, die 1898 nach Wien übersiedelte. Ihr Vater Hugo Schmida war Direktor der Wiener Niederlassung der Firma Thonet und legte viel Wert auf die Ausbildung seiner Tochter, die die Schwarzwaldsche Schulanstalt besuchte, bevor sie 1913 an der Philosopischen Fakultät der Universität Wien inskribierte. 1919 promovierte Schmida bei Reininger mit einer Studie zu Nietzsches "Philosophie der ewigen Widerkehr", die im Nachlass überliefert ist genauso wie zahlreiche nachfolgende philosophische Arbeiten.

Der erste Band ihres dreibändigen Hauptwerks "Perspektiven des Seins" erschien 1968 bei Ernst Reinhardt in München, der letzte Band 1973 – vier Jahre vor ihrem Tod und im respektablen Alter von 82 Jahren. Bereits 1922 gründete Schmida den "Reiningerkreis", einen anerkannten wissenschaftlichen Zirkel, der bis in die 1970er Jahre hinein bestand und dessen Aktivitäten sie akribisch dokumentierte.

Schon als Studentin kam Schmida in Kontakt mit der indischen Philosophie, nahm darüber hinaus Unterricht in Gymnastik und Tanz und beschäftigte sich intensiv mit Yoga. Ab 1926 besuchte sie Kurse bei Hilde Hager (1888–1952). 1934 gründeten die beiden Frauen eine Gymnastikschule unter dem Namen "Schule des Bundes für neue Lebensform". Die "Yoga-Schule Dr. Schmida" in der Léhargasse 1 im sechsten Bezirk, die als "Institut Dr. Schmida" heute noch existiert, wurde eingerichtet, nachdem der Plan für die Einrichtung einer Reformschule gescheitert war. Yoga und Philosophie bilden zwei Säulen der von Schmida entwickelten ganzheitlichen Lehre, die dritte Säule ist der Ausdruckstanz.

Zum Bestand

Das Verhältnis von Yoga und Philosophie ist im Manuskript "Praeligio mystica universalis", von dem mehrere Fassungen überliefert sind, beschrieben: "Philosophie heißt Fragen stellen, durchdringende letzte Fragen. Wer diese letzten Fragen nicht stellt, der kommt nicht zur Philosophie, aber auch nicht zum Yoga: Denken und Sich-Versenken gehören zusammen." Die "Praeligio", ein Schulungsprogramm mit Übungen, Belehrungen und Einweihungen, blieb zwar unveröffentlicht, ist aber dennoch ein zentraler Text im Œuvre der Autorin.

Bemerkenswert ist auch das 107-seitige Manuskript "An die revoltierende [68er-]Generation – utopische Konsequenzen aus dem Yoga", für das sich ebenfalls kein Verleger fand. In der Schublade verblieben auch frühe expressionistische Dramen wie "Die Rettungslosen", "Urtig, der Bauherr" und "Blutende Stadt". Veröffentlicht wurden hingegen die beiden Studien "Theater von morgen" (1950) und "Es sind die Götter – Darstellung der menschlichen Urtypen und ihre Schicksale" (1952). Gut dokumentiert ist die Festschrift zum 80. Geburtstag Robert Reiningers, die Schmida 1949 unter dem Titel "Philosophie der Wirklichkeitsnähe" bei Sexl in Wien herausgab. Ihre Streitschrift "Den führenden Geistern Europas angesichts der kulturellen und politischen Weltlage", die im Selbstverlag erschien, ist in Manuskriptform leider nicht überliefert.

Dem Ausdruckstanz als wesentlichem Element der Lehre Schmidas begegnet man im Bestand sowohl in theoretischen Schriften wie in Choreographien. Rund 300 Fotografien, die mehrere Jahrzehnte ihres Schaffens abdecken, zeigen die Tänzerin Schmida selbst wie auch Studierende oder etwa das große Vorbild Hilde Hager.

Korrespondenzen sind im Nachlass von insgesamt rund 250 Schreiberinnen und Schreibern zu finden. Hervorgehoben seien die Familienkorrespondenzen und darüber hinaus der rege Briefwechsel mit den in Wien geborenen Schwestern Elisabeth, Emma und Eugenie Bormann, die allesamt herausragende Frauen ihrer Zeit waren. Die Malerin und Graphikerin Emma Bormann (1987–1974) unterrichtete 1926 bis 1940 an der Universität Wien und wirkte nach ihrer Zwangsbeurlaubung in China, Hongkong und Japan. Von Eugenie Bormann (1892–1986), die als Psychiaterin an der Berliner Charité tätig war, sind rund 50 Korrespondenzstücke aus den Jahren 1917 bis 1967 überliefert. Die Physikerin Elisabeth Bormann (1895–1986) schließlich schrieb rund 130 Briefe und Karten an Schmida. Inhaltsreich ist auch der Schriftverkehr mit Herbert Müller-Guttenbrunn (1887–1945) aus dem Jahr 1944 sowie jener mit Lama Anagarika Govinda (d.i. Ernst Lothar Hoffmann, 1898–1985), mit dem Schmida sich 1962 bis 1977 brieflich austauschte.

Viktor Brod

Viktor Brod (1894–1969) wurde 1894 in Wien als Sohn von Jakob (1857–1929) und Betty Brod (1869–1953) geboren. Der Vater war Mitbegründer der "Arbeiterzeitung" und eine herausragende Figur der österreichischen Sozialdemokratie. 1913 inskribierte Brod an der Fakultät für Philosophie der Universität Wien, musste sein Studium kriegsbedingt jedoch unterbrechen. Erst 1920, nach fünfjähriger russischer Kriegsgefangenschaft, konnte er an die Universität zurückkehren. Brod promovierte 1926, fasste an der Universität aber nicht Fuß und verdiente seinen Lebensunterhalt fortan als Beamter. Rassisch verfolgt, flüchtete Brod 1942 nach Italien, wo er in Ferramonti di Tarsia interniert wurde. Im September 1943 befreite die britische Armee das Lager, und Brod begann, als Übersetzer für die britischen Befreier zu arbeiten. Zwei Jahre später kehrte er nach Wien zurück.

Die meisten Arbeiten von Viktor Brod blieben unpubliziert, etwa die Studie "Amerika", die sich im Bestand in Form eines 751-seitigen Typoskripts wiederfindet. Publiziert wurden die Bände "Die Ich-Du-Beziehung als Erfahrungsgrundlage der Ethik" (1967) sowie "Was Sprache ist?" (1971, posthum), die bei Ernst Reinhardt erschienen und sich im Nachlass als Typoskripte mit handschriftlichen, zum Teil eigenhändigen Korrekturen erhalten haben.

Archiv der Neuerwerbungen 2017