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Neuerwerbung: Sammlung Josef Jarno (ZPH 1904)

Sammlung Josef Jarno, ZPH-1904, Wienbibliothek im Rathaus

Der Tod eines Menschen bringt es seit jeher mit sich, dass zahlreiche schriftliche Zeugnisse entstehen, die im Zusammenhang mit dessen Ableben stehen. Seien es amtliche Schreiben, juristische Dokumente, private Kondolenzen oder Nachrufe – der finale Übergangsritus sorgt erfahrungsgemäß für ein hohes Aufkommen potentiell sammelwürdiger Archivalien.

Das gilt ganz besonders für prominente Personen, die in einer Stadt oft jahrzehntelang gewirkt haben, somit einen großen Freundes- und Bekanntenkreis hatten, von den zahlreichen „Fans“ ganz zu schweigen. Am 4. April 1934 verstarb – recht überraschend – die Schauspielerin Hansi Niese, als man sie ins Sanatorium Löw bringen wollte. Die 1875 in Wien geborene Schauspielerin und Sängerin hatte 18-jährig am Raimundtheater debütiert. Sie wechselte 1899 ans Theater in der Josefstadt, dessen frisch berufenen Direktor Josef Jarno (1866–1932) sie noch im selben Jahr heiratete. Und Josef, das erste von zwei Kindern, kam bereits am 30. November 1899 zur Welt.

Hansi Niese war eine über vier Jahrzehnte hinweg an Beliebtheit kaum zu überbietende Volksschauspielerin, die an allen Wiener Bühnen wirkte, aber auch in anderen deutschsprachigen Ländern große Erfolge feierte. Als sich der Tonfilm in den Kinos zu etablierten begann, reüssierte sie auch dort. Von 1931 an war sie in nicht weniger als zwölf Filmen auf der Leinwand zu sehen, allein drei kamen in ihrem Todesjahr heraus, darunter der Streifen „Die Töchter ihrer Exzellenz“ mit Niese in der Titelrolle. Der Cast neben ihr konnte sich sehen lassen: Willy Fritsch, Adele Sandrock, Dagny Servaes, Hans Moser und Fritz Imhoff, um nur einige wenige zu nennen. Der Tod ereilte Hansi Niese in der Endphase der Dreharbeiten.

Den Sohn Josef Jarno erreichte nach dem Tod seiner Mutter eine veritable Flut an Telegrammen, Briefen, Visit- und Kondolenzkarten, die er ganz offensichtlich von einem professionellen Buchbinder in geordnete Bahnen bringen ließ. In einem riesigen ledergebundenen Folianten, der an ein mittelalterliches Skriptorium gemahnt, sind über tausend Dokumente versammelt, die dem Hinterbliebenen ihr Beileid übermitteln. Albert Bassermann, Käthe Dorsch, Adrienne Gessner, Hans Moser und viele andere mehr schickten Telegramme – wie Max Reinhardt, der, wie so oft, den Platz des Blatts voll ausnutzte, um dem Sohn zu versichern, er beklage „vom ganzen herzen den schweren verlust, der nicht nur sie persönlich, sondern eine ganze stadt getroffen hat als deren genial liebenswürdigste repräsentantin“.

Auch umfängliche Briefe sind in den Band montiert, etwa von Ralph Benatzky, Fritz Grünbaum, Paul Morgan oder Viktor Wittner. Nieses alter Freund Felix Salten hielt fest, „der Zauber ihres Wesens ist mir von Anfang an eine unwiderstehliche Berückung gewesen“. (Allerdings hatte seinerzeit selbst ihr Mittun bei Saltens Projekt des „Jung-Wiener Theaters zum lieben Augustin“ die Pleite Ende 1901 nicht zu verhindern vermocht.)

In einem zweiten Band finden sich wichtige Nachrufe aus der nationalen und internationalen Presse. Insgesamt stellen die beiden wuchtigen, mehrere Kilo wiegenden Wälzer ein erstaunliches Denkmal für Hansi Niese dar – ganz so, wie es der Sohn mit seinem Eintrag sich gewünscht hat: „mutti ein ewiges gedenken“.

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Sammlung Josef Jarno, ZPH-1904, Wienbibliothek im Rathaus
 

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