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Neuerwerbung: Teilnachlass Karl Ziak (ZPH 1782)

Karl Ziak als Leiter der Wiener Büchergilde Gutenberg, 1970, ZPH 1782, Wienbibliothek im Rathaus

Im Herbst 2018 konnte ein beachtlicher Teilnachlass des Wiener Volksbildners, Autors und Verlagsleiters Karl Ziak (1902–1987) bei einer Auktion erworben werden. Das Konvolut ergänzt einen bereits 1988 an die damalige Wiener Stadt- und Landesbibliothek gelangten Bestand aufs Schönste (ZPH 673). Dazu zählen Briefe von über 300 Schreiberinnen und Schreibern, darunter Gustinus Ambrosi, Martin Andersen-Nexö, Otto Basil, Felix Braun, Heimito von Doderer, Hanns Eisler, Oskar Maurus Fontana, Bruno Frei, Martha Hofmann, Siegfried Jacobsohn, Erich Kästner, Ruth Körner, Günther Nenning, Ernst Preczang, Edwin Rollett, Josef Luitpold Stern, Hans Thirring und Otto Zausmer. Wer die Namensliste der Briefpartnerinnen und -partner in der Bestandssystematik studiert, dem werden auch die von bekannten Alpinisten nicht entgehen, etwa von Günter Oskar Dyhrenfurth, Leopold Happisch oder Cenzi und Hanns Sild. Toni Hiebeler stand mit Karl Ziak nicht nur als Herausgeber und Redakteur einschlägiger alpinistischer Periodika in Verbindung, sondern er grüßte zudem nach seiner neun Tage währenden Erstbegehung der 2.000 Meter abfallenden Ostwand am 7.134 Meter hohen Pik Lenin im Pamir-Gebirge (1969). Dass auch Ziak selbst ein veritabler Bergsteiger war, erschließt sich anhand seiner zum Bestand gehörenden Tourbücher aus den 1920er-Jahren, zumal sich zudem zahlreiche Aufnahmen erhalten haben, die diese Touren photographisch dokumentieren.

Gipfel, Eis und Schnee stehen auch in Ziaks schriftstellerischem und publizistischem Werk im Mittelpunkt. Vom Standardwerk „Der Mensch und die Berge“ liegen die korrigierten Fahnen genauso vor wie ein Fragment gebliebener Roman über Julius Payer mit dem Titel „Nie zurück!“. Am wichtigsten jedoch dürfte das Drehbuch „Balmat, der König vom Montblanc“ sein. Dafür interessierten sich die Bergfilmer Arnold Fanck und Luis Trenker, wie aus den überlieferten Briefschaften hervorgeht. Der Regisseur Fanck setzte schließlich 1934 „Der ewige Traum“ in Szene, sein letzter Streifen des Genres Bergfilm, der auf Ziaks Buch „Paccard wider Balmat“ (1930) beruhte, das die Erstbesteigung des Montblancs 1786 in den Blick nahm.

Auch die Kriegsjahre werden im Bestand auf beeindruckende Weise lebendig. Dies ist vor allem den vielen Hundert Briefen geschuldet, die Karl und Marianne Ziak gewechselt haben. So berichtet Ziaks Frau von den Verhältnissen in der Heimat, etwa in einem Brief vom 19. Jänner 1945: „Die Wiener Wohnung steht noch, auch nach dem grossen Angriff am Montag, welches der bisher grösste gewesen sein soll. Da die Polizeidirektion schwer getroffen ist, ist anzunehmen, dass die Rossauer-Kaserne auch etwas abbekommen hat. Wie wird es allen unseren Freunden gehen?“ Er berichtet hingegen am 9. Februar 1945 von seiner Tätigkeit als „Sonderführer“ in einer Wehrmachts-Dolmetschereinheit an der Westfront: „Am 17. ward ich nachmittags in einen nahegelegenen Ort geschickt, um dort 16 Gefangene zu vernehmen u. ihren sofortigen Weitertransport zu veranlassen. Statt 16 traf ich 35, die sich nachträglich sogar als 50 Stück entpuppten … Am nächsten Mittag, als das Hundert abgefertigt war, standen schon wieder 60 neue vor der Tür. Ich erledigte sie summarisch bis zum Abend, da trafen weitere 120 ein. Und nun überflutete es mich. Meine Forschungsergebnisse waren übrigens für unsere Erkenntnis von der Gliederung des Gegners sehr aufschlußreich … Die Leute waren mir für die Mühe, die ich für sie aufwenden mußte, so dankbar, daß sie mich baten, doch mit ihnen ins Lager zu kommen. Die höchste Anerkennung, die mir ein Offz. zollen zu können glaubte, war, dass ich eigentlich nach Amerika gehörte.”

Dorthin sollten Ziaks Wege ihn als Prisoner of War in der Tat führen. Bei den zum Bestand zählenden Lebensdokumenten ragen die Materialien heraus, die seine Kriegsgefangenschaft in Ruston (Louisiana) thematisieren. Erhalten haben sich wichtige Dokumente zur dortigen Re-Education, Karikaturen zu Mitgefangenen wie Fritz Habeck und Ausgaben der berühmten Lagerzeitschrift „Der Ruf. Zeitung der deutschen Kriegsgefangenen in den USA“ – kein Wunder, denn auch einer der beiden Initiatoren dieses Blatts (dank Hans Werner Richter ein Nucleus der späteren Gruppe 47), befand sich zeitweise in Camp Ruston: Alfred Andersch. Andere Papiere erhellen Ziaks Engagement als Volksbildner, etwa als langjähriger Mitarbeiter des „Volksheims“ Ottakring (1922–1938), sowie als Lektor des Europa-Verlags und als Leiter der Büchergilde Gutenberg Wien. Die Schriftstellerin Friederike Brauchbar, besser bekannt als Friederike Manner, schrieb Ziak am 3. Dezember 1948 in seiner ersten Funktion wegen ihres Romans „Die dunklen Jahre“, der unter dem Pseudonym „Martha Florian“ erschienen war: „Wenn Sie es literarisch für vertretbar halten: würden Sie dann etwas dafür tun? Aber bitte, sagen Sie niemandem, dass Sie mich kennen, ich habe mit Absicht einen anderen Namen gewählt.“ Und die Autorin Marcella d’Arle ließ Ziak in seiner Rolle als Gutenberg-Chef am 23. Dezember 1958 wissen: „Wenn alle Männer wie Sie wären, wäre die Welt fast ein Paradies! Bis dahin ist die Büchergilde fast ein Paradies.“

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Archiv der Neuerwerbungen 2021

Karl Ziak als junger Mann, 1928, ZPH 1782, Wienbibliothek im Rathaus
Toni Hiebeler und Michael Schneider schicken am 18. Juli 1969 „Pik-Lenin-Grüße“, ZPH 1782, Wienbibliothek im Rathaus
 

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